Conference report: Briefe als Träger und Trigger von Affekten, Münster (03.-04.07.2015)

[report circulated by H-GERMANISTIK on 27 July 2015]

Bericht von Laura M. Reiling
Germanistisches Institut
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
l_reil02@uni-muenster.de

Vom 3. bis 4. Juli 2015 organisierten Katharina Fürholzer (Graduate School “Practices of Literature”) und Yulia Marfutova (Graduiertenkolleg “Literarische Form”) an der Universität Münster die Nachwuchstagung “Briefe als Träger und Trigger von Affekten”.

Aus einer transdisziplinären Perspektive wurden verschiedene Fragen zur Gattung Brief verhandelt, die ihrerseits als eine dehnbare erkannt wurde. Es wurde gefragt, in welcher Art und Weise Briefe je eigene Affektpotentiale ausbilden, wie Affekt und Kognition in der Gattung Brief einander bedingen, welche Bedeutung formale Aspekte von Briefen für deren Affektpotential haben, wie sich Individualität und kollektive Normen zueinander verhalten und inwieweit sich Privatbriefe oftmals als öffentliche Briefe darstellen.

In der Eröffnung der Tagung wies Yulia MARFUTOVA (Münster) auf die gegenwärtigen, kulturpessimistischen Abgesänge auf den Brief hin und machte zudem deutlich, inwieweit die Gattung Brief an die Technikgeschichte gebunden ist. Beispielsweise betreffe der aktuelle Poststreik die Privatkorrespondenz nur marginal, da sich diese inzwischen weitestgehend in andere Medien verlagert habe. Ontologische Indifferenz sei ein prägnantes Merkmal der Briefgattung, die sich stets im Wechselspiel von Fiktionalität und Faktualität befinde.

Katharina FÜRHOLZER (Münster) erörterte die Schwierigkeit der Definition von ‘Affekten’ im Begriffskonglomerat aus ‘Regung’, ‘Emotion’, ‘Instinkt’, ‘Stimmung’ und ‘Reflex’ und erläuterte die diversen Funktionen von Affekten. In der Tagung gehe es primär um die drei Affekte der Produktion, des Werks und der Rezeption. Ziel der Tagung sei, einen Bogen von der antiken Affektrhetorik zur heutigen Affektpoetik zu schlagen und zu überlegen, ob es für die Gattung Brief einen spezifischen Affekt gebe.

Im Panel “Rhetorischer Einsatz von Affekten” zeigte Pia FIEDLER (Graz) am Beispiel von ausgewählten Suppliken, also von an politische und geistige Obrigkeiten gerichteten Bittbriefen, wie diese in ihrer Form und Argumentation auf die antike Rhetoriktradition zurückgreifen und klare Dispositionsschemata aufweisen. Trotz der markanten Topoi (z.B. Selbstdarstellung als personae mirabiles), derer sich die individuell und emotional-appellativ verfassten Briefe bedienten, könnten sie Affekte triggern. Argumentiert wurde, dass die Verfasser (Schreiber und Bittsteller) des pragmatischen Brieftyps Supplik durch Aufbau, sprachliche Gestaltung und Argumentation des Briefs bewusst auf die Erregung von Affekten abzielten.

Sophie ZIEGLER (Kassel) beschäftigte sich im Panel “Epistolare Beziehungen” mit fürstlichen Briefen im frühen 17. Jahrhundert, speziell mit dem Briefwechsel zwischen Georg II. von Hessen-Darmstadt und dessen Braut Sophia Eleonora von Sachsen. Die Gattung Brief wurde im Feld der Begriffstrias ‘Geschlecht’ – ‘Raum’ – ‘Medialität’ verortet. Der Briefwechsel mache die unmittelbare Verknüpfung von Politischem und Privatem deutlich, so spreche z.B. ein intaktes Siegel für einen intakten politischen und zugleich privaten Raum. Die besondere Aufmerksamkeit galt im Vortrag den Anredepraktiken, die, indem sie verwandtschaftliche Anredeformen bevorzugten, Nähe evozierten. Im Vortrag wurde deutlich, dass die Briefe als Gesprächsersatz dienten und das Schreiben wie ein Besuch erschien, es bedeutete folglich die Überwindung bzw. Reduktion einer materiell-körperlichen Distanz. Das besondere Affektpotential des Briefwechsels liege in der Verschränkung von verbaler und materieller Sphäre.

Eleonore DE FELIPS (Innsbruck) emotionsanalytische Lektüre von Annette von Droste-Hülshoffs Brief an Levin Schücking vom 11. September 1842 erfasste die affektive Relevanz dieses Briefs. Er sei Ausdruck intensiver Emotionen, zeige Facetten eines aggressiven Witzes, desavouiere Sprachcodes und unterscheide sich somit im affektiven Ausdruck deutlich von Droste-Hülshoffs literarischen Werken, die eine klare Form aufwiesen. Die Ambivalenz der Briefe an Schücking werde in der Ruppigkeit und Schadenfreude auf der einen Seite und der Herzlichkeit auf der anderen Seite deutlich. Angst sei einer der stärksten Affekte in diesem Briefwechsel, da Droste-Hülshoff den despotischen Zugriff der Familie, der im erzwungenen Vorlesen der erhaltenen Briefe in der Familie als Instrument der Kontrolle zum Ausdruck komme, zu verhindern versucht habe. Droste-Hülshoffs Briefe an Schücking seien im Hinblick auf deren Affektpotential und Authentizität nicht mit denen an ihre Familie vergleichbar, die vor allem durch Strategien der Verstellung gekennzeichnet seien.

Im Rahmen des Panels “Vom Gefühl der zerdehnten Kommunikation” betrat Franziska HORN (Darmstadt) in ihrem Vortrag zum Savigny-Bang-Briefwechsel das Feld der Digital Humanities und widmete sich metasprachlichen Auswertungsprozessen. Erläutert wurde anhand des Begriffs ‘Ereignis’, wie mithilfe der virtuellen Forschungsumgebung GATE die Reflexionen Friedrich C. v. Savignys und Johann H. Ch. Bangs über die Zustellung und den Empfang von Briefen erfasst und ausgewertet werden können. Die Thematisierung von Zustellung und Empfang im Brief stelle den Brief als Träger und Trigger von Affekten heraus, wobei Affekte als mentale Bewertungsprozesse zu verstehen seien. Die Mitteilung über den (Nicht-)Erhalt eines Briefs sei zwar auch affektgeladen, habe jedoch vor allem die Funktion, Kommunikation zu klären oder aufrechtzuerhalten.

Markus ENDER (Innsbruck) überlegte aus diskurstheoretischer Perspektive, was es bedeutet, wenn Briefe erst gar nicht abgeschickt werden. Er fokussierte hierbei auf Beispiele der Schreibverweigerung im Gesamtbriefwechsel Ludwig von Fickers. Die Kategorisierung des Nicht-Schreibens von Ficker (uneigentliche Verweigerung; Verweigerung zur Affektsteuerung; Verweigerung zur Affektübersteuerung) diente dazu, Schweigen als Erlangung von Diskurshoheit zu besprechen. Fickers Strategie des inszenierten Schweigens durch das Fingieren der eigenen Abwesenheit oder die Selbst-Verleugnung sei eine Strategie der Macht-Erzeugung, denn indem der Sender seinem Gegenüber Wissen vorenthalte, habe er ein Mehr an Wissen und könne dadurch die affektive Reaktion des Empfängers beeinflussen. Das Nicht-Antworten/-Ereignis rufe dabei letztlich starke Affekte hervor.

Nachrichtentechniken, Körperschnittstellen und Affekte standen im Zentrum von Christoph NEUBERTS (Paderborn) medienwissenschaftlicher Perspektivierung des Zusammenhangs von Brief und Affekt. Im Vortrag wurde insbesondere der Frage nachgegangen, wie Kommunikation und Intimität sich zueinander verhalten. Verwiesen wurde dabei u.a. auf die Idee einer natürlichen, aus persuasiven Kalkülen gelösten Kommunikation bei Christian F. Gellert, auf den bei Jürgen Habermas, Niklas Luhmann und Michel Foucault beschriebenen Funktionswandel der Affektsemantik (Wahrheit, Diskurs, Macht) und auf die Funktion der Post als zentrales Instrumentarium der Biopolitik. Deutlich wurde, dass die Möglichkeit eines Subjekts, sich mitzuteilen, stets ein Affekt von Kommunikation ist. Neubert diskutierte schließlich auch gegenwärtige Fragen zum Konnex von Affekten und neuen Medien, Blogs, Tweets etc., die in den Affective Economics (Henry Jenkins) und der Sentiment Analysis (Mark Andrejevic) von Belang sind.

Das intertextuelle Affektpotential von Franz Kafkas “Brief an den Vater” und Nadine Gordimers Wiederaufnahme des Gesprächs zwischen Vater und Sohn in ihrem “Letter From His Father” machte Anna-Theresia BOHN (Berlin) im Panel “Intertextuelle Affekte” produktiv. Kafkas Brief sei insbesondere vom Affekt des Ekels markiert, der – vor allem mit der Ekel-Theorie von Winfried Menninghaus gedacht – zwischen Abstoßung/ Ablehnung und Anziehung/ Faszination variiere. Der Affekt des Ekels sei als anthropologische Konstante zu lesen. Die beiden am ästhetischen Diskurs partizipierenden Briefe würden Ekel als text- und darüber hinaus als identitätsstiftende Kraft vorführen, denn mithilfe des Ekels über einen selbst (Kafka), über einen anderen (Vater) oder eines anderen über sich selbst (Vater) würden sich Vater und Sohn ineinander spiegeln und sich folglich verbinden. Die Ekel-Charakteristika Ablehnung und Anziehung würden somit zugleich das Verhältnis zwischen Franz und Hermann Kafka beschreiben. Der Vortrag übte demzufolge eine deutliche Kritik an der bisherigen Kafka-Forschung zur Vater-Sohn-Problematik.

Im Panel “Briefe in Zeiten der Ideologie” untersuchte Britta WEDAM (Graz) mit Blick auf “Dr. Blochs Oesterreichische Wochenschrift”, welche Bedeutung die Publikation von Feldpostbriefen zu Kriegszeiten in Zeitschriften hatte. Die eigentlich privaten Briefe würden, so die These, durch die Veröffentlichung zu einem wichtigen Bestandteil der kriegskonstituierenden Wirklichkeit. Der Brief sei zu Kriegszeiten ein Medium, um Gefühle zu transportieren, die auf anderem Wege schwerlich auszudrücken seien. Er sei Träger von Emotionen und werde zugleich in diesem Sinne instrumentalisiert, indem bestimmte Emotionen gezielt verfestigt würden, wie beispielsweise der Stolz über als Helden gefallene Soldaten oder die Idealisierung der Heimat.

Über Kommunikationsformen des Verrats sprach Anita KRÄTZNER-EBERT (Berlin), indem sie Formen, Intentionen und Kommunikationsstrategien in denunziatorischen Briefen in der DDR untersuchte. Bei den denunziatorischen Briefen handele es sich um eine einseitige Kommunikation des Denunzianten mit einer staatlichen/ sanktionierenden Instanz. Die Briefe seien vor allem durch deutliche Maskierungsstrategien geprägt, indem sie u.a. meist anonym verfasst seien, Staats- und Gesetzestreue betonen und die Beziehung zum Denunzierten verschleiern würden. Sie seien als Träger von Affekten lesbar, indem sich die Denunzianten stets als sozialistische, pflichtbewusste Bürger inszenierten.

Zuletzt wurde der Blick auf die „Briefästhetik im 21. Jahrhundert“ gerichtet. Hier ging es zum einen um eine Auseinandersetzung mit Briefen im Bereich der Animal Studies und zum anderen um Gestaltungs- und Funktionsweisen von Mail Art. Frederike MIDDELHOFF (Würzburg) setzte sich mit der Ästhetik und Affekt(ion) tierlicher Briefe auseinander, also mit Briefen bzw. autozoographischen Texten, in denen ein Tier die Rolle der Erzählinstanz und die des Protagonisten einnimmt und somit das ,stumme‘ Tier zur Sprache gebracht wird. Tierliche Briefe seien vor allem gekennzeichnet durch Possenhaftigkeit, die Kritik an anthropozentrischen Gesinnungen und den tierischen Blick auf die soziokulturelle Umwelt, die dadurch einen befremdlichen Charakter erhalte. Besonders prägnant sei folglich die intentionale Struktur tierlicher Briefe, denn sie würden fast ausschließlich Botschaften senden, die gänzlich affektiv aufgeladen seien. Deutlich gemacht wurde, dass diese Briefe, denen es nicht um Literarizität geht, ein Kaleidoskop u.a. affektiver und soziopolitischer Prozesse darstellen, indem sie aus einer Tierperspektive Kritik am Menschen üben und primär auf das Erwecken von Mitleid und Agitation ausgerichtet sind.

Die transdisziplinäre Tagung wurde schließlich abgerundet von einem Praxisbericht zu Post, Kunst und Kommunikation. Lucia SCHAUB (Oldenburg) zeigte, wie Gestaltungsweisen des Briefs in der heutigen Zeit funktionieren und in welcher Weise das Medium Brief Kunst darstellen kann. Das formale Experiment Mail Art bezeichnet ein Verfahren, in dem Briefe, Karten oder Gegenstände durch das Postsystem verschickt werden und somit nicht nur Kunst abseits vom Kunstsystem entsteht, sondern auch bekannte Medien (Post) unbekannt genutzt werden. Postkunst habe ein subversives Moment, indem sie die Grenzen des (Post-)Systems austeste und in Frage stelle. Denn die Post generiere (unwissentlich) erst den Wert der Mail Art, weil der wichtigste Aspekt des Postkunst-Verfahrens sei, dass die Kunst das Postsystem passiere. Mithilfe des Mediums Brief könnten die Grenzen des Systems befragt werden.

Deutlich wurde, dass die in der literaturwissenschaftlichen Forschung oftmals als selbstverständlich angenommene Engführung der Gattung Brief mit dem Affekt zu hinterfragen ist. Die Nachwuchstagung zeigte, wie unterschiedlich sich Brief- und Affektprofile und somit der Ausdruck von Affekten im vielschichtigen Medium Brief darstellen. Zugleich eröffneten Fragen der intrikaten Verknüpfung von Privatheit und Öffentlichkeit im Brief oder des Gendering von Briefen, Anredeformen, Argumentationslinien etc. gemeinsame Bezugs- und Diskussionspunkte. Ein Sammelband zur Tagung ist geplant.

Redaktionelle Betreuung: Alexander Nebrig

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